Perfektionismus und Ehrgeiz sind wichtige Faktoren für deinen beruflichen Erfolg. Doch während ein gewisses Maß an diesen Eigenschaften nötig ist, um beruflich weiterzukommen, kann ein übertriebenes Leistungsdenken auch schädlich sein – für deine berufliche ebenso wie für deine private Entwicklung. In diesem Beitrag geht es darum, wie übertriebenes Leistungsdenken entsteht, welche Folgen es haben kann und wie du lernst, deine Ansprüche an dich selbst auf ein gesundes Maß zu senken.

Was steckt hinter übersteigertem Leistungsdenken?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Eine hohe Leistungsbereitschaft und die permanente Darbietung einer maximalen Leistung werden in vielen Bereichen vorausgesetzt. Wenn es um die Besetzung einer freien Stelle geht, erhalten oft die Bewerber den Vorzug, die glaubhaft machen können, dass sie für das Wohl der Firma noch einen Schritt weiter gehen würden als ihre Mitbewerber, dass sie noch motivierter, enthusiastischer und belastungsfähiger sind als die Konkurrenz.

Kurzum: Sie zeigen sich als Kandidaten, die problemlos eine hohe Last tragen und dennoch eine herausragende Leistung erbringen können.

Dieses Leistungsdenken hat sich in vielen Bereichen der Gesellschaft breitgemacht. Mit gravierenden Folgen: Wer nicht durch eine gesteigerte Leistungsbereitschaft hervorsticht, erhält weniger Anerkennung von seinen Mitmenschen. Schon den Kleinsten wird mit auf den Weg gegeben, wie wichtig Leistung im Leben ist.

Kindergarten und Kita sind zu Orten geworden, wo es nicht mehr allein um die spielerische frühkindliche Entwicklung, Spaß und soziales Miteinander geht. Stattdessen sollen dort auch schon Kinder möglichst früh möglichst viel lernen. Indem Kinder früh breit gefächerte Fähigkeiten erwerben, so der Gedanke vieler Eltern, haben sie im Vergleich zu anderen Kindern einen Vorteil, sind ihnen voraus. Das wird als Basis für ihren Erfolg im Leben gesehen.

Wenn nur das Beste gut genug ist

Diese Grundhaltung setzt sich in der Schulzeit fort. Gute Noten werden belohnt und sind scheinbar wichtiger als andere persönliche Fähigkeiten, die in der Schule nicht abgefragt werden. Ein System aus Belohnungen stärkt den gefühlten Wert der erbrachten Leistung. Bleibt die Leistung hinter den Erwartungen zurück, gibt es auch keine Belohnung – man hat also etwas nicht so gut gemacht, wie es für die Erwachsenen wünschenswert gewesen wäre.

Jeder gegen Jeden

Wettbewerbsdenken

In unserer Gesellschaft herrscht ein starkes Wettbewerbsdenken. Nur gut zu sein, reicht häufig nicht aus. Man möchte der Beste sein – und zwar in allem, was man anfasst. Fehler sind dabei nicht vorgesehen und müssen unbedingt vermieden werden, um das Selbstbild nicht zu beschädigen. Ehrgeiz, Perfektionismus und das Streben nach einer guten Leistung sind für sich genommen nicht zwangsläufig problematisch. Aber wie so oft entscheidet das Maß darüber, ob eine gesteigerte Leistungsbereitschaft eher positive oder negative Folgen hat.

Die Folgen von übersteigertem Leistungsdenken

Natürlich ist Leistungsdenken nicht per se schlecht. Die Vorteile, die ein Mensch hat, der besonders strebsam ist und mit vollem Einsatz versucht, seine Ziele zu erreichen, liegen auf der Hand. Genauigkeit und ein Auge für das Detail sind wichtige Voraussetzungen für die Qualität einer Leistung. Wenn du deinen Job ernst nimmst und dich voll reinhängst, ist das prinzipiell förderlich für deine Leistung und somit auch für den Verlauf deiner Karriere.

Der Übergang von einem gesunden Leistungsdenken hin zu einem übertriebenen Perfektionismus verläuft jedoch häufig fließend. Bei einem übersteigerten Leistungsdenken sind die Resultate oft in jeder Hinsicht wenig positiv. Die Selbstwahrnehmung verzerrt sich, Entspannung findet immer seltener statt. Die Folgen reichen von Frust und Überforderung am Arbeitsplatz bis hin zu Ohnmachtsgefühlen und einem Burnout. Selbst Depressionen können durch zu hohe Ansprüche an sich selbst entstehen oder dadurch begünstigt werden.

Wer zu hohe Maßstäbe an sich selbst anlegt, hat oft das Gefühl, nie gut genug zu sein. Er wird seinen eigenen Anforderungen auf Dauer ebenso wenig gerecht wie denen anderer. Besonders problematisch wird das, wenn betroffene Personen ihren persönlichen Wert an ihren Karriere-Errungenschaften festmachen. Machen solche Menschen im Beruf einen (vielleicht sogar nur vermeintlich) folgenreichen Fehler, hat das oft gravierende persönliche und emotionale Konsequenzen, die eine tiefe Krise auslösen können.

Warum weniger Leistungsdenken oft besser ist

Perfektionismus und Leistungsstreben können einerseits für gute Ergebnisse sorgen. Im übersteigerten Maße haben sie jedoch Folgen, die sich nicht nur auf deine Zufriedenheit im Beruf und im Leben allgemein erstrecken. Ein gesundes Leistungsdenken kann deine Performance im Job verbessern. Zu viel davon kann jedoch schädlich sein und sichtbar negative Folgen haben.

Wenn es um vermeintlich clevere Antworten auf die Frage nach den eigenen Schwächen in einem Bewerbungsgespräch geht, ist immer wieder von Perfektionismus die Rede – als vermeintliche Schwäche, die in Wahrheit eine Stärke sein soll. Abgesehen davon, dass du diese Eigenschaft schon aufgrund ihrer abgedroschenen Rolle nicht wählen solltest, wird dabei oft vergessen, dass Perfektionismus tatsächlich etwas Nachteiliges sein kann.

Wer perfektionistisch ist, gibt sich mit nichts weniger als dem optimalen Ergebnis zufrieden. Bis dieses Ergebnis erreicht ist, kann es jedoch dauern. Die Aufgabe nimmt oft wesentlich mehr Zeit in Anspruch, als es bei anderen der Fall wäre. Wenn die Ergebnisse den höheren Aufwand nicht rechtfertigen, weil sie kaum merklich besser sind, fällst du als perfektionistischer Mensch leicht hinter der Leistung deiner Kollegen zurück, die vielleicht keine rundum perfekten, aber gute und schnellere Ergebnisse liefern.

Hier setzt auch das „Pareto-Prinzip“ an. Es besagt, dass 80 Prozent einer Aufgabe in 20 Prozent der Zeit erledigt werden kann – das Gröbste ist schnell erledigt.

Anders ausgedrückt: Demnach nehmen die letzten 20 Prozent einer Aufgabe 80 Prozent der gesamten Zeit in Anspruch – der Feinschliff zieht sich hin, der Output nimmt ab. Du schaffst also mit weniger Perfektionismus häufig mehr.

Unrealistische Ansprüche können nicht erfüllt werden

Ein gelber Smiley-Ballon liegt auf dem Boden.
Wenn du nur an deiner Leistung festhältst, wird dir deine Freude entgleiten.

Wer zu perfektionistisch ist, kann häufig schlecht Verantwortung abgeben. Wer jedoch alles selbst machen möchte, halst sich leicht zu viel Arbeit auf – besonders in gehobenen Positionen ist das problematisch.

Unrealistische Ansprüche an sich selbst zu haben ist ein Problem, weil diese Ansprüche gar nicht erfüllt werden können – oder zumindest nicht, ohne nicht in anderer Hinsicht negative Folgen hiervon hinzunehmen.

Wer ein überhöhtes Leistungsdenken hat, ist tendenziell nie zufrieden. Selbst wenn er eigentlich auf einem guten Weg ist, hat er das Gefühl, es reiche noch lange nicht. Ist ein Ziel erreicht, ist das kein Grund zur Freude und Entspannung, sondern nur ein Etappensieg auf dem Weg zur nächsten Hürde. Ein Gefühl der Genugtuung kann sich so nicht einstellen, gleichzeitig nimmt die Zufriedenheit immer weiter ab – im Rennen gegen das Hamsterrad verliert immer der Läufer.

Es wirkt lähmend, zu hohe Ansprüche an sich selbst zu haben. Es hindert uns im schlimmsten Fall sogar daran, gute Leistungen zu erbringen. Wer nicht nach Perfektion strebt, sondern nach einem guten Ergebnis, hat damit in vielen Fällen die bessere Einstellung.

“Und jetzt, wo du nicht perfekt sein musst, kannst du gut sein.”

John Steinbeck

Wie es dir gelingt, dein Leistungsdenken zu verringern

Ein hohes Leistungsstreben hat seine Ursprünge oft schon in der frühen Kindheit. Oft sind es wohlmeinende Eltern, die aus ihren Kindern eine maximale Leistung herauskitzeln wollen – in der Vorstellung, dass diese daraus später Vorteile ziehen könnten, weil sie besser, schlauer, leistungsfähiger seien als andere. Naturgemäß ist es kaum möglich, solche langjährigen Denkweisen von heute auf morgen abzulegen. Dennoch hast du Optionen, wenn du glaubst, dass dein Perfektionismus nicht förderlich für dich ist.

Einer der ersten Ansatzpunkte ist die Frage, wie wichtig dir die Bereiche überhaupt sind, in denen du nach der höchsten Leistung strebst. Ist dir wirklich etwas daran gelegen, beruflich weiterzukommen oder aufzusteigen, oder ist deine Karriere ein Selbstzweck, der dir bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht so wichtig ist?

Oft handeln wir nach Denkweisen, die wir von anderen übernommen haben, ohne uns je zu fragen, ob das auch unseren eigenen Vorstellungen entspricht. Deine Leistung im Job kann dann eine Voraussetzung für dein (vermutetes) Ansehen bei anderen Menschen sein oder dir persönliche Bestätigung verschaffen.

Es ist okay, wenn dir deine Karriere wichtig ist. Genauso ist es okay, wenn das nicht in hohem Maße der Fall ist.

Es gibt viele Dinge im Leben, die eine große Bedeutung haben können. Welche das sind, ist eine individuelle Frage – das eine ist nicht per se besser oder schlechter als etwas anderes.

Halte dir vor Augen, was du bereits erreicht hast

Es ist wichtig, Fehler und Rückschritte als natürlich zu akzeptieren und sich davon nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Du bist mehr als deine Leistungen. Wenn du einmal scheiterst oder hinter den Erwartungen zurückbleibst, ist das kein Scheitern von dir als Person. Berufliche Erfolge sind außerdem nicht alles – wenn dir etwa deine Familie eigentlich besonders wichtig ist, du aber wegen deines Leistungsstrebens im Job Vollgas gibst, hast du vermutlich nicht genügend Zeit für deine Familie übrig.

Maximale Leistung in einem Bereich geht oft nur auf Kosten der Leistung in anderen Bereichen.

Überlege gut, wo deine Energie am besten aufgehoben ist – unabhängig von den vermeintlichen Erwartungen anderer, denn mit den Konsequenzen musst letztlich du leben.

Eine einfache Übung kann dir helfen, deine bisherigen Errungenschaften klarer zu betrachten. Schreibe dazu auf, was du schon erreicht hast. Vielleicht hast du dir selbst eine Sprache beigebracht oder hast den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Denke auch an Dinge, die du vielleicht als selbstverständlich nimmst – etwa deine Abschlüsse von Schule und der Universität. Du wirst merken: Du hast schon ganz schön was geschafft.

Vergleiche dich nicht mit anderen

Es ist auch hilfreich, zu lernen, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Du siehst immer nur das Bild, das andere nach außen hin abgeben. Diese Inszenierung muss nicht dem entsprechen, was sich hinter geschlossenem Vorhang abspielt. Du weißt gar nicht, ob du wirklich mit jemandem tauschen wollen würdest, der vermeintlich besser ist als du. Setze deine eigenen Maßstäbe an und bemiss deinen Wert nicht daran, wie du im Vergleich mit anderen wegkommst.

Lerne, bewusst abzuschalten

Oft steckt hinter einem starken Perfektionismus die Angst vor Kritik. Es ist wichtig, kritikfähig zu sein. Wenn du Kritik persönlich nimmst und darüber zu lange grübelst, bringt dir das nichts. Nutze Kritik lieber konstruktiv und sieh sie als wertvollen Hinweis, was du (noch) besser machen kannst.

Dein Wert als Person hängt nicht davon ab, wie zufrieden andere mit dir sind. Wenn dein übersteigertes Leistungsdenken seinen Ursprung in einem geringen Selbstwertgefühl hat, ist es sinnvoll, über eine Therapie nachzudenken. Ein Therapeut kann dich auf deinem Weg zu mehr Selbstzufriedenheit unterstützen.

Eine weitere Möglichkeit, zu lernen, nicht ganz so perfektionistisch zu sein, bietet der Ausgleich zum Job. Nutze deine Freizeit für die Dinge, die dir Entspannung und Freude bringen. Perfektionistische Menschen haben häufig immer den Anspruch, etwas Produktives zu machen – auch wenn sie das eigentlich gerade nicht müssten. Es ist genauso in Ordnung, eine Serie zu schauen oder ins Kino zu gehen. Manche Dinge sind produktiv und entspannend zugleich, zum Beispiel Sport, Meditation oder Kochen.

Der Ausgleich zum Job ist auch wichtig, um anschließend wieder eine gute Leistung erbringen zu können. Wenn du ausgebrannt bist und auch in deiner Freizeit keine Erholung findest, leidet darunter zwangsläufig deine Performance. Niemand kann rund um die Uhr und in jedem Bereich seines Lebens maximale Leistungen erbringen. Wer seine Leistungsfähigkeit langfristig erhalten will, kommt um Pausen nicht herum.

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