Wir Menschen spielen gern – das ist keine Erkenntnis, die es erst seit der Erfindung von Videospielen gibt. Bereits 1938 prägte der niederländische Kunsthistoriker Johan Huizinga den Begriff „Homo ludens“ – der spielende Mensch. Das Spielen ist Teil unserer Kultur und dazu gehören mittlerweile auch Videospiele.

Die Forschung hat Computerspiele als Gegenstand entdeckt und liefert die Erkenntnis, dass sie unser Gehirn und unseren Körper trainieren. Im Folgenden räumen wir mit Vorurteilen zum Thema Computerspiele auf, zeigen, wie sie uns beeinflussen, und erklären, wie sie Teil des Berufslebens werden.

Computerspiele: Vorurteile

Ein männlicher Teenager sitzt ungepflegt und alleine in einem abgedunkelten Zimmer vor seinem Bildschirm und spielt ein Shooter-Spiel – das ist das klischeehafte Bild, das viele Menschen noch immer vor Augen haben, wenn sie das Wort „Gamer“ hören. Die Realität zeichnet jedoch ein anderes Bild.

Fast jeder Mensch spielt – und das in jedem Alter

In Deutschland spielten im Jahr 2019 mehr als 34 Millionen Menschen Videospiele: Die Hälfte davon sind Frauen. Diese Zahl beinhaltet alle Personen, die zumindest gelegentlich digital spielen – sowohl PC- und Konsolenspiele als auch mobile Games auf dem Tablet oder Handy.

Das Durchschnittsalter der Spieler liegt bei mehr als 36 Jahren – Videospiele reizen also nicht nur Teenager. Im Gegenteil: Mehr als 25 Prozent der Gamer sind mindestens 50 Jahre alt.

PC- und Videospiele sind in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen: Videospiele gelten offiziell sogar als Sportart. Bei den sogenannten eSports gibt es internationale Meisterschaften, bei denen Einzelspieler und Teams in Spielen wie „League of Legends“, „Counter Strike“ oder „FIFA“ gegeneinander antreten. Viele Menschen verdienen mittlerweile alleine durch das Spielen von Videospielen ihr Geld – auch indem sie sich dabei filmen und die Videos bei YouTube hochladen (sogenanntes “Let’s Play”).

In einem Stadium wird ein eSports-Tunier veranstaltet.
Ein Counter-Strike: Global Offensive Tunier in Russland zeigt, wie beliebt eSports auch bei den Zuschauern sind.

Aggressionspotenzial

PC- und Videospiele sind schon seit einiger Zeit Gegenstand der Forschung. Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie uns Spiele beeinflussen – besonders emotional. Noch immer gibt es Kritiker, die lautstark davor warnen, dass sogenannte Shooter-Spiele, in denen der Spieler seine Gegner abschießen muss, gewalttätig machen.

Die Forschung ist sich jedoch einig: Gewaltdarstellende Computerspiele haben keinen Einfluss auf das Aggressionspotenzial und beeinflussen das menschliche Handeln nicht.

In Einzelfällen sei es zwar möglich, dass reale Gewalt aus Videospielen resultiert, aber selbst dann sei es schwierig zu bestimmen, was zuerst da war:

Ein gewalttätiges Spiel, das einen psychisch unbelasteten Menschen zur Gewalt bringt – oder ein psychisch angeschlagener Mensch, dem ein gewalttätiges Videospiel den letzten Anstoß gibt.

Der Kommunikationswissenschaftler Jeffrey Wimmer macht deutlich, dass zu viele verschiedene Faktoren bei Gewalttaten eine Rolle spielen, um diese an nur einem Gegenstand festzumachen.

Zwei Psychologen aus den USA kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass gewaltdarstellende Spiele das Aggressionspotenzial nicht beeinflussen und dieses sogar abnimmt, wenn Menschen gemeinsam spielen. Im Jahr 2011 wurde vor dem amerikanischen Supreme Court sogar in einem Urteil festgehalten, dass die Gewaltdarstellung in Computerspielen kein aggressives Verhalten bei Kindern auslöst.

Suchtpotenzial

Im 18. Jahrhundert glaubten die Menschen, dass Literatur süchtig mache – ein Gedanke, der heute absurd erscheint. Auch Videospielen wird ein großes Suchtpotenzial vorgeworfen, das jedoch nur zum Teil bestätigt werden kann.

Der Großteil der Spieler zeigt ein unauffälliges Spielverhalten. Gerade einmal ein Prozent der 34 Millionen Spieler in Deutschland spielt exzessiv. Es gibt jedoch eine Gruppe, die besonders anfällig für eine Suchterkrankung ist: Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren. Hier gelten knapp sechs Prozent als suchtgefährdet.

Im Jahr 2019 wurde die Sucht nach Videospielen oder auch „Gaming Disorder“ von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell als Krankheit anerkannt. Eine Entscheidung, die kontrovers diskutiert wurde. Experten, die Videospiele erforschen, verfassten einen offenen Brief und kritisierten die Entscheidung. Der Forschungsstand sei noch immer zu gering und es bestehe die Gefahr, normale Videospieler so zu stigmatisieren.

Die WHO gesteht ein, dass nicht pauschal definiert werden kann, ab wie vielen Spielstunden jemand als computerspielsüchtig gilt – auch ein mehrstündiges Spielen muss nicht immer eine Sucht mit sich bringen.

Aus diesem Grund wurden einige Kriterien bestimmt, durch die Computerspielsucht erkennbar ist:

  • Der Spieler verliert durch die Dauer und Häufigkeit die Kontrolle über das Spielen.
  • Das Spielen hat Vorrang vor anderen sozialen, schulischen, beruflichen oder alltäglichen Aktivitäten.
  • Selbst bei negativen Konsequenzen ist der Spieler unfähig, mit dem Spielen aufzuhören.

Die Aussage ist deutlich:

Das Spielen von Videospielen muss nicht zwangsläufig zu einer Sucht führen. Es wird erst dann gefährlich, wenn das Spielen das alltägliche Leben negativ beeinflusst.

Die Aufnahme der Spielsucht durch die WHO führt jedoch dazu, dass Ärzte besser für den Umgang mit dieser Erkrankung geschult werden.

Computerspiele als Kulturgut

Digitale Spiele zählen in Deutschland ganz offiziell zum Kulturgut: 2018 wurde der Bundesverband der Entwickler von Computerspielen in den Deutschen Kulturrat aufgenommen.

Einige Spiele werden sogar zur Hochkultur gezählt und sind mit Filmen oder Büchern gleichzusetzen. Videospiele sind nicht nur Shooter-Spiele, sondern auch soziale Kommentare, arbeiten Traumata auf und behandeln ernste Themen wie Depression oder Suizid, um sie in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken.

Das Videospiel “Journey” gilt für viele als Teil der Hochkultur.

Das Bundesministerium für Forschung bestätigt, dass Videospiele zur kulturellen Bildung dazugehören: Es gibt sogar ein Förderprogramm, das die Aufmerksamkeit auf das Potenzial von Videospielen lenken soll. In diesem können Kinder zum Beispiel selbst kreativ werden und in Game-Design-Workshops eigene Computerspiele entwickeln – sie üben sich so im logischen Denken, werden Geschichtenerzähler und lernen den Umgang mit Software.

Wie Videospiele deine Fähigkeiten verbessern

Videospiele haben einen positiven Einfluss – das vertritt auch der wissenschaftliche Standpunkt, der Computerspielen gleich mehrere Wirkungsbereiche zuschreibt. Spielen fördert unterschiedlichste Funktionen unseres Gehirns, unseres Körpers und sogar unsere soziale Kompetenz – Fähigkeiten, die dich auch als Arbeitnehmer interessant machen.

Reaktionszeit

Computerspiele erfordern schnelle Reaktionen – nicht nur durch die Eingabe eines Befehls, sondern auch bei Entscheidungen.

Forscher der University of Rochester fanden heraus, dass Menschen, die regelmäßig Ego-Shooter oder Actionspiele spielen, Ereignisse in ihrer Umgebung schneller wahrnehmen und verarbeiten können – die visuelle Informationsverarbeitung wird trainiert. Diese Fähigkeit hilft ihnen dabei, in Sekundenschnelle Entscheidungen zu treffen, ohne dass die Geschwindigkeit zulasten der Genauigkeit geht.

Diese Fähigkeit lässt sich auch auf den Alltag übertragen, denn das Gehirn berechnet ständig Wahrscheinlichkeiten und die damit zusammenhängende Entscheidung. Eine Fähigkeit, die besonders in stressigen Arbeitssituationen von Vorteil ist: Die Situation wahrnehmen, analysieren und eine Entscheidung treffen.

Durch Computerspiele werden jedoch auch die motorischen Fähigkeiten gefördert – insbesondere die Hand-Augen-Koordination. Gamer können visuelle Informationen schneller verarbeiten und dementsprechend reagieren, was auch die Reflexe trainiert. Doch nicht nur die Schnelligkeit nimmt zu, sondern auch die Präzision.

Ein Versuch legte nahe, dass Chirurgen, die eine besonders ruhige Hand brauchen, 27 Prozent schneller waren und 38 Prozent weniger Fehler machten, wenn sie regelmäßig Videospiele spielten.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass Videospiele deine Reaktionszeit und auch deine motorischen Fähigkeiten so trainieren, dass du sie auch in anderen Bereichen anwenden kannst – zum Beispiel in deinem Beruf.

Multitasking

Während du ein PC- oder Videospiel spielst, musst du nicht nur schnell reagieren können, sondern häufig mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Das bezieht sich sowohl auf die Steuerung als auch auf das Geschehen auf dem Bildschirm: Du musst deine Umgebung beobachten, Entscheidungen treffen, vielleicht sogar mit Mitspielern kommunizieren.

Die Fähigkeit, viele Dinge gleichzeitig zu handhaben, ohne dabei die Fassung, die Konzentration oder den Überblick zu verlieren, ist für viele Arbeitgeber interessant und zeichnet dich als belastbaren Arbeitnehmer aus.

Durchhaltevermögen

Eine hohe Belastbarkeit ergibt sich auch durch entsprechendes Durchhaltevermögen. Studien belegen, dass Personen, die viel spielen, länger an einer komplexen Aufgabe tüfteln, wohingegen Personen, die kaum spielen, frühzeitig aufgeben.

Das liegt daran, dass Computerspiele über einen längeren Zeitraum deine gesamte Konzentration erfordern. Gamer können ihre Aufmerksamkeit besser steuern und schneller wichtige von unwichtigen Informationen trennen. Das hilft ihnen dabei, länger bei der Sache zu bleiben.

Kreativität

Kinder spielen gemeinsam Videospiele.
Kinder, die viel spielen, sind kreativer.

Videospiele fördern die Kreativität: Das belegt eine Studie, in der 500 12-jährige Jungen und Mädchen kreative Aufgaben lösen sollte. Es wurde deutlich, dass die Kinder, die regelmäßig Computerspiele spielten, deutlich kreativer waren, wenn es darum ging, Bilder zu zeichnen oder Geschichten zu schreiben.

PC- und Videospiele entführen uns in neue kreative Welten und erzählen Geschichten, wie sie auch in Büchern und Filmen zu finden sind – der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass sie unsere aktive Teilnahme erfordern und wir somit einen Teil zu dem kreativen Prozess beitragen.

Logisches Denken

Fast jedes Computerspiel erfordert logisches Denken, um Hindernisse zu überwinden – einige jedoch mehr als andere. Sogenannte „Puzzle-Games“ sind gezielt darauf angelegt, die Logik-Fähigkeiten des Spielers herauszufordern. Strategische Spiele erfordern hingegen ein taktisches Vorausdenken.

Durch Videospiele werden das zielorientierte Denken und die Fähigkeit der Problemlösung gestärkt – eine Fähigkeit, die du auf verschiedenste Lebenssituationen übertragen kannst.

Kognitive Fähigkeiten erhalten

Die kognitive Fähigkeit des Menschen beschreibt seine Fähigkeit, die Signale seiner Umwelt wahrzunehmen und diese zu verarbeiten. Darunter fallen einige der Aspekte, die in diesem Text bereits angesprochen wurden: Wahrnehmung, Konzentration und Problemlösung.

Die kognitiven Fähigkeiten umfassen die gesamte Informationsverarbeitung des Menschen. Sie können entweder bewusst, zum Beispiel beim Lösen eines Rätsels, oder unbewusst, zum Beispiel beim Bilden einer Meinung, ablaufen.

Je älter wir werden, umso mehr nehmen diese kognitiven Fähigkeiten ab – es kommt zum geistigen Verfall. Computerspiele halten das Gehirn jedoch jung und helfen dabei, diese Fähigkeiten zu trainieren und aufrechtzuerhalten.

Die University von Iowa zeigte in einer Studie, dass besonders ältere Menschen davon profitieren können. In dieser Studie spielten Menschen über 50 ein Spiel, das auf Tempo und strategische Entscheidungsfindung ausgerichtet war. Das Ergebnis zeigte, dass sich die kognitiven Fähigkeiten schon bei zwei Spielstunden am Tag langfristig um 70 Prozent verbesserten. Der Alterungsprozess des Gehirns wird somit durch Videospiele verlangsamt.

Teamfähigkeit

Computerspiele kann man nicht nur alleine spielen: Es gibt Puzzle-Games, die du nur mit einem Mitspieler bewältigen kannst, Party-Spiele, die du gleich mit einer ganzen Gruppe spielen kannst, und Shooter-Spiele, in denen du dich mit deinen Teammitgliedern absprechen musst, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Das gemeinsame Spielen mit anderen Menschen senkt nicht nur unser Aggressionspotenzial, sondern fördert auch deine Fähigkeit zur Teamarbeit. Soziale Kompetenzen wie diese werden im Berufsleben immer wichtiger, denn sie können ein entscheidender Faktor sein, der dich von Mitbewerbern abhebt, welche dieselbe berufliche Ausbildung haben.

Internationale Freundschaften

Spielerisch Fremdsprachen erlernen

Online-Multiplayer-Spiele, die man über das Internet gemeinsam mit anderen Menschen auf der Welt spielt, fördern nicht nur die sozialen Kontakte und Kompetenzen, sondern helfen sogar dabei, eine Fremdsprache zu erlernen – denn viele Spieler kommunizieren nur auf Englisch. Mittlerweile gehört auch der Austausch in sozialen Netzwerken und Foren zu der Spielkultur dazu und fordert so die Kommunikation auf vielen verschiedenen Ebenen.

Motivation

Ein wichtiger Aspekt von PC- und Videospielen ist, dass jede Handlung ein sofortiges Feedback mit sich bringt – der Spieler erhält eine Rückmeldung, ob seine Entscheidung richtig war, sieht unmittelbar, wie sich seine Handlung auf die Umgebung auswirkt, und wird im besten Fall belohnt.

Computerspiele geben dem Spieler eine sofortige Rückmeldung zu seiner Leistung und das steigert die Motivation. Der Spieler hat ein klares Ziel vor Augen und erhält die nötigen Informationen, um zu wissen, ob er sich verbessern muss oder ob er bereits auf dem richtigen Weg ist.

Kein Wunder also, dass sich mittlerweile auch zahlreiche Arbeitgeber die Motivation, die aus Videospielen resultiert, zu Eigen machen, um sie gezielt im Berufsleben anzuwenden.

Gamification

Eine Strategie, die in immer mehr Unternehmen angewendet wird, ist die der „Gamification“ – zu Deutsch „Spielifizierung“. Hier geht es darum, die Spielmechaniken, die wir aus PC- und Videospielen kennen, in einen nicht spielerischen Kontext einzubinden.

Im Alltag treffen wir immer wieder auf Elemente von Gamification. Das Prinzip ist in der freien Wirtschaft besonders beliebt. Das Punktesammeln an der Kasse, der Fortschrittsbalken beim Ausfüllen von Online-Formularen oder das Monopoly-Event bei McDonalds – all diese Dinge sind Gamification.

Diese Strategie wird dazu benutzt, die Menschen durch Spaß zu motivieren. Ein beliebtes Beispiel für Gamification ist die Piano-Treppe.

Dieses Beispiel zeigt, wie Menschen spielerisch dazu motiviert werden, die Treppe zu benutzen.

Gamification findet schon in zahlreichen Schulen Anwendung, wo zum Beispiel auch gezielt Videospiele zum Einsatz kommen, um Lerninhalte zu vermitteln – besonders beliebt: das Baukasten-Spiel „Minecraft“.

In diesem können Schüler spielerisch den Aufbau chemischer Formeln oder des Sonnensystems erlernen. Es hilft dabei, die Schüler zu motivieren, Aufgaben spaßiger zu machen und die Lernprozesse anzuregen – Vorteile, die auch in der Berufswelt Anklang finden.

Gamification im Beruf

In einem Computerspiel bekommst du als Spieler immer sofort ein Feedback: Du siehst, wo du dich noch verbessern kannst und was du schon erreicht hast. Im Berufsleben erhältst du diese Rückmeldung meistens nicht. Diese motiviert dich jedoch dazu, bessere Leistungen zu erbringen. Gamification kann dazu beitragen, diese Motivation auch bei der Arbeit zu unterstützen.

Die richtige Art der Gamification ist jedoch immer von dem jeweiligen Unternehmen und den einzelnen Mitarbeitern abhängig. Wenn der Arbeitnehmer das Gefühl hat, dass er zum Spielen gezwungen wird oder gar durch Gamification manipuliert wird, kann dies einen negativen Effekt haben.

Besonders vorsichtig sollte man mit Spielmechaniken sein, die den Wettbewerb zwischen den Mitarbeitern fördert. Nicht jeder Mensch fühlt sich in einem Wettkampf dazu motiviert, sein Bestes zu geben, sondern ist frustriert, seine mäßige Leistung im Vergleich zu anderen zu sehen – dies kann zu unnötigem Stress am Arbeitsplatz führen. Es ist in der Regel jedoch kein Problem, wenn die Mitarbeiter in Teams miteinander wetteifern – dies kann sogar den Zusammenhalt und die Teamarbeit fördern.

Beispiele für Gamification am Arbeitsplatz

Es gibt unterschiedlichste Methoden, wie Spielmechaniken vorteilhaft am Arbeitsplatz eingesetzt werden können. Besonders in den Vereinigten Staaten ist Gamification bereits ein beliebtes Element – in Deutschland entwickelt sich dieser Trend nur langsam.

Belohnungssysteme

Gamification bedeutet nicht automatisch, dass sich der Arbeitgeber ein komplexes Spielsystem ausdenken muss. Bereits Kleinigkeiten können spielerisch zu der Motivation der Mitarbeiter beitragen. Es ist zum Beispiel möglich, die Arbeitnehmer für gute Leistungen mit Abzeichen, Levelaufstiegen oder Trophäen zu belohnen und diese zum Beispiel in dem Intranet der Arbeitsstelle abzubilden.

In einem Unternehmen, in dem Mitarbeiter ihre Aufträge zu einer bestimmten Zeit einreichen mussten, wurde die Pünktlichkeit allein dadurch verbessert, dass ein Smiley bei der Abgabe angezeigt wurde: lächelnd für eine gute Leistung, traurig für eine verspätete Abgabe.

Mitarbeiter können so Belohnungen für positive Verhaltensweisen sammeln. Ein weiteres Beispiel für eine simple Anpassung ist diese Gamification von Meetings:

In einer amerikanischen Firma werden die unorganisierten Meetings, zu denen jeder zu spät kam, einfach durch einen lauten Gong angekündigt. Während des Meetings wird ein Timer gestellt, damit die Mitarbeiter zusammenarbeiten, um die Zeit zu schlagen. Ein weiteres Element: Nur derjenige, der ein Angry-Birds-Plüschtier hält, darf sprechen.

Diese simplen Elemente führten dazu, dass die unliebsamen Meetings zu einem Highlight für die Mitarbeiter wurden.

Lernprozesse

Schulungen zählen für die meisten Arbeitnehmer nicht unbedingt zu den Lieblingsbeschäftigungen, sind jedoch wichtig, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Besonders das sogenannte Compliance-Training, in dem Mitarbeiter Gesetze, Vorschriften und Unternehmensrichtlinien beigebracht bekommen, ist eine notwendige, aber wenig spaßige Angelegenheit.

Der Gamification-Experte Mario Herger schlägt daher vor, die Gesetzestexte in einen Krimi zu verwandeln.

„Du bist zum Beispiel Miss Marple, die durch das Unternehmen geht und herausfinden muss, wer das Geld gestohlen hat. Um diesen Finanzkrimi zu lösen, musst du dir das Wissen aus dem gesetzlich vorgeschriebenen Training aneignen. So haben Mitarbeiter nicht nur mehr Spaß an solchen Trainings, sie merken sich auch mehr.“

Während sich Mitarbeiter in normalen Schulungen lediglich 20 bis 30 Prozent der Inhalte merken können, ist das Lernen auf spielerische Art deutlich effektiver: Bis zu 90 Prozent des Wissens bleibt den Arbeitnehmern im Gedächtnis.

Die aktive Teilnahme, die Möglichkeit, das neu erlangte Wissen direkt anzuwenden und umgehend ein Feedback zu ihrer Leistung zu erhalten, hilft dabei, die Informationen besser zu verinnerlichen – und das macht gleichzeitig Spaß.

Wettbewerb

Ein positives Beispiel für den Wettbewerb unter Arbeitnehmern ist das eines Herstellers für Hautschutzprodukte. Um es den Mitarbeitern zu erleichtern, die große Produktpalette der Hautpflegeprodukte auswendig zu lernen, wurde Gamification angewandt. Dabei mussten die Mitarbeiter in einem klassischen Arcade-Spiel die richtigen Produkte benutzen, um verschiedene Schmutzfeinde zu bekämpfen.

Eine weitere Motivation war, dass das Unternehmen das Spiel zwischen den einzelnen Betrieben zu einem internationalen Wettbewerb machte. So konnten die Mitarbeiter in Teams und sogar auf Länderebene gegeneinander antreten – und ganz nebenbei die Produktpalette spielerisch kennenlernen.

Anti-Mobbing-Training

Ein Astronaut schwebt im Weltall.
Bei der NASA gibt es keinen Raum für Mobbing.

Die NASA benutzt Gamification dazu, ihre Mitarbeiter in sozialen Situationen zu schulen – spielerisch werden die NASA-Richtlinien im Bereich Mobbing und Belästigung am Arbeitsplatz vermittelt. Dafür wurde eine virtuelle Arbeitsumgebung geschaffen, in der die Mitarbeiter verschiedene soziale Situationen erleben, auf die sie entsprechend reagieren müssen. Es soll dabei helfen, die Mitarbeiter für diese Themen am Arbeitsplatz zu sensibilisieren.

Recrutainment

Die Anwendung von Gamification-Elementen, wenn es um die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern geht, wird auch als „Recrutainment“ bezeichnet. Hierbei stellt sich die Firma zum Beispiel spielerisch vor, der Berufsalltag wird in einer virtuellen Welt nachgestellt oder es wird mithilfe eines Spiels ermittelt, ob der Bewerber die Anforderungen des Unternehmens erfüllt.

Vorstellung des Arbeitsplatzes

Um neuen Bewerbern einen Einblick in die Räumlichkeiten zu geben, die Mitarbeiter vorzustellen und die Werte des Unternehmens zu vermitteln, hat das Beratungsunternehmen Deloitte ein interaktives Video produziert.

In diesem muss der Bewerber einen Tag als Praktikant im Unternehmen durchlaufen und dabei verschiedene Aufgaben lösen – und erlebt sofort, ob seine Entscheidungen zu dem Unternehmen passen oder nicht.

Das Video aus der Ich-Perspektive ist mit sehr viel Humor gestaltet und auch wenn man sich nicht bei Deloitte bewerben möchte, macht es Spaß, sich durch das Video zu klicken.

Einblick in den Berufsalltag

Der französische Postdienstleister Formapost hat ebenfalls einen spielerischen Weg gefunden, Auszubildende schon vorab über den alltäglichen Ablauf ihrer Ausbildung zu informieren.

Denn wer sich bei dem Unternehmen bewerben möchte, muss zuvor ein Online-Spiel absolvieren, in dem er eine klassische Ausbildungswoche durchläuft. Der Bewerber muss seinen Avatar täglich pünktlich zur Arbeit schicken – inklusive Duschen und Zähneputzen –, den Unterricht besuchen und Fragen richtig beantworten. Erst wenn das Spiel durchlaufen ist, bekommt er Zugriff auf das Bewerbungsformular.

Bevor dieses Spiel eingeführt wurde, lag die Abbruchrate bei den Auszubildenden bei 25 Prozent – diese Quote sei nun drastisch gesunken.

Test der Fähigkeiten

Dieses Beispiel stammt aus Deutschland: Die Bundespolizei hat eine Offline-Recrutainment-Methode gewählt, um neue Bewerber für sich zu gewinnen und gleichzeitig ihre Fähigkeiten zu testen. Mit einem mobilen Escape Room tourte sie durch ganz Deutschland.

Sogenannte Escape Rooms sind Spiele, in denen die Spieler mehrere Rätsel lösen müssen, um einem Raum zu entkommen oder ein Ziel zu erreichen.

Bei dem Escape Room der Bundespolizei ging es um einen Koffer, der in einem Schließfach am Bahnhof eingeschlossen wurde. In diesem mysteriösen Koffer sollten sich gefälschte Ausweisdokumente befinden, die mit einer Säure-Sprengkapsel zur Beweisvernichtung ausgestattet waren. Die Teilnehmer sollten die Bundespolizei dabei unterstützen, den Fall zu lösen, und hatten dafür gerade einmal 30 Minuten Zeit. Anschließend beantwortete die Bundespolizei Fragen rund um das Thema Ausbildung und Studium.

Durch den Einsatz dieser Recrutainment-Methode konnte die Bundespolizei spielerisch einen Einblick in ihre Arbeit geben und analysieren, ob die Teilnehmer den Anforderungen entsprechen. Auf der Webseite der Bundespolizei zu dem Escape Room beschreibt sie die gesuchten Eigenschaften wie folgt:

„Kombinationsfähigkeit, ein richtiger Riecher und ein kühler Kopf, auch wenn es schnell gehen muss – das sind wichtige Eigenschaften, die jeder Bundespolizist haben sollte.“


Es zeigt sich, das PC- und Videospiele deutlich mehr bieten, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Sie liefern nicht nur Spaß, sondern helfen auch ganz unbewusst dabei, unsere Sinne zu schärfen und Fähigkeiten auszubauen, die auch in der Berufswelt von Nutzen sind. Spielmechaniken begegnen uns überall im Alltag und tragen auch in der Berufswelt dazu bei, die Menschen zu motivieren und Spaß bei der Arbeit zu haben.

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